Der Flug

18 Jahre kein Flug. Und nun sitze ich hier. Es wackelt. Mein Frühstück sagt Hallo. Bin ich die einzige Person, die sich weit weg wünscht? Mir scheint, die geschätzt 240 Personen um mich herum, artig in Dreiersitzreihen geparkt, scheinen es als notwendiges Übel zu empfinden. Eingesperrtsein in einem engen Tunnel, kein Mindestabstand zu den Nachbarn, den Ellbogen von links und den schlechten Atem von rechts gibt es gratis. Das ist halt so. Denn man will ja wohin. In den Urlaub, wieder nach Hause. Zum Meeting, zur Familienfeier. Ein Wochenende nach Spanien? Klar, ist doch geil. Geht ratzfatz. Das ist die Freiheit des kleines Mannes. Oder der Frau. Alternativlos also, das Flugzeug.

Vielleicht ist genau das mein Problem. Es gibt andere Reisemöglichkeiten. Man ist länger unterwegs. Natürlich. Umständlicher sind sie auch. Und teurer, in der Regel. Dafür aber ist man nicht in einer Sardinenbüchse in den Wolken unterwegs. Mit Angestellten, die die Fluggäste auf Englisch anfauchen, falls sie nach dem Start zu früh aufstehen. Economic halt. Ihr ferrariroter Mund lächelt hingegen, wenn sie Cola Zero, ein Roasted Beef Menu im Plastikpack oder Duty-Free-Marlboro - Lights bitte - verkaufen. Inklusive ist nicht mehr viel. Eine kleine Flasche Wasser zum Start. Schokolade vor der Landung. Danke, dass Sie mit Swiss geflogen sind.

Vielleicht ist die Höhle daran schuld, dass ich am liebsten hier raus möchte. Meine Flugscham kommt erschwerend hinzu. Wobei. Nein. Ich kann meine ökologischen Prinzipien ganz gut auf die Seite schieben. Die Hochzeit meiner besten Freundin? Klar, da bin ich dabei. In Spanien? Also muss ich fliegen. Nach langer Zeit das erste Mal. Ist halt so.

Also doch die Höhle. Der Jungfernschlupf. Die Panikattacke vor der Engstelle. Erst dachte ich, das wäre eine einmalige Sache, dieses Aufsteigen von Angst, die Schnappatmung, der Adrenalinschub. Doch dann passierte es wieder. Beim Versteckspielen mit den Kindern. Ich hatte mich Harry-Potter-mässig unter die Treppe gequetscht. Wo andere Leute eine Kellertreppe haben, ist bei uns ein Stauraum, der unter den Stufen immer enger wird. Dort sass ich im Dunkeln und dann packte sie mich plötzlich wieder. Die Panik. Als jemand beim Suchen die Tür öffnete, machte ich absichtlich ein Geräusch. Nur raus hier. Angst im Dunkeln? Hatte ich nie. Angst vor engen Räumen? Kenne ich nicht. Das ist jetzt anders. Und scheint zu bleiben. Regelmässig klopft sie nun an, die Vorstufe der Panik. Nicht nachdenken. Atmen. Schreiben.

Es wackelt wieder. Der Ellbogen von links ist weiter zu mir gerückt. Würde das eine Frau auch machen? Wahrscheinlich nicht. Bumsvoll ist die Maschine. Kein einziger Platz frei. Na klar, Sonntagnachmittagsrückflug, selber schuld. Ich überlege, wie es ist, die Tüte, die am Sitz vor mir befestigt ist, zu benutzen. Wie wischt man sich den Mund ab? Vielleicht ist eine Serviette in dem Papiersack, die man - idealerweise - vorher entnimmt. Wie viele Menschen müssen sich eigentlich während eines Fluges übergeben? Wenige wohl, sofern es keine Turbulenzen gibt. Gilt dieses Gewackel eigentlich als Turbulenz? Oder ist das bei bedecktem Himmel normal? Ich stelle fest, dass ich nach 18 Jahren draussen bin. Keine Ahnung mehr vom Fliegen habe. Und auch kein Interesse.

So, nun hat es geklappt. Mein Ellbogen ist auf der Lehne. Ha! Nun ja nicht mehr bewegen. Keinen Millimeter weichen. Doch die Freude ist kurz. Noch mehr als eine Stunde Flugzeit. Ich will hier raus. Nächstes Mal benutze ich den Zug. Schokolade hin oder her. Frey übrigens. Nicht einmal Lindt.

03/09/2023

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