Alles ist rund

Als Kind träumte ich davon, Leuchtturmwärter zu werden. Meinen ersten Turm sah ich irgendwo am Atlantik. Wahrscheinlich in der Bretagne, ich erinnere mich nicht mehr. Der Turm thronte auf einer felsigen Küstenzunge wie eine Festung - stabil und unverwüstlich. Er zog mich magisch an. Nachts schickte er sein tröstendes Licht übers Meer, das konnte ich von unserer Ferienwohnung aus beobachten. Am liebsten wollte ich den Turm besichtigen, doch meine Eltern meinten, das ginge nicht, der Turm sei kein Museum, sondern ein Ort, wo gearbeitet würde. Leuchtturmwärter sei ein hartes Brot.

Ich stellte mir vor, wie es im Inneren aussehen würde, nachdem man die solide Tür aus Metall geöffnet hatte. Alles wäre rund: die Wände, die spiralförmige Treppe, die Betten an der Wand, der Tisch in der Küche. Nach oben hin wird der Turm immer schmaler, der Platz weniger. Zuoberst dann wieder Weite: In der Spitze befindet sich die Seele des Turms, das Feuer, das Seeleuten nachts den Weg weist, Gefahr signalisiert oder sie willkommen heisst, nach wochenlangen Fahrten in der weiten, endlosen See.

Als ich älter wurde, las ich Bücher über Leuchttürme. Geschichten über Wärter, die wahnsinnig wurden, da sie die Einsamkeit nicht mehr aushielten. Oder solche, die tranken, um die endlosen Stunden des nächtlichen Wachens erträglicher zu machen. Bis Ende der 1970er-Jahre wurde das Feuer in den Türmen mit Gas betrieben, erst danach war es elektrisch. Mit der Zeit wurden die Abläufe zunehmend automatisiert; die Wärter konnten in der Nacht schlafen, die Nebelkanone wurde von einem Programm gezündet, das mit Wetterdaten arbeitete. Viele Wärter verloren ihre Arbeit, die Türme waren erwachsen geworden und funktionierten ohne sie.

Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich nicht sicher, ob dieses Leben auf engem Raum wirklich etwas für mich gewesen wäre. Als ich jünger war, gab es noch keine Smartphones, kaum Internet. Lesen hätte man können im Turm und - je nach Standort - Fernsehen. Besonders viel Respekt hatte ich vor den Türmen weit draussen im Meer, die auf einem Riff oder einem Felsen stehen, umtost von der wilden, rauen See. Die Wellen spritzen bei Sturm bis hinauf zu den Fenstern des Leuchtfeuers, der Turm vibriert und zittert. An anderen Tagen liegt das Meer ruhig da wie ein Spiegel, der Übergang zwischen Himmel und Meer ist kaum zu erkennen. Als Kind stellte ich mir vor, wie ich nachts beim Leuchtfeuer wache und den Himmel beobachte, wo die Sterne funkeln und die Ewigkeit beginnt. Ich würde die Sternbilder alle kennen, hätte sie in den nächtlichen Stunden auswendig gelernt. Das Meer wäre mein Freund; es wechselt die Farbe wie ein Chamäleon, wäre unberechenbar und doch vertraut.

Erst letztens habe ich ein Stelleninserat im Internet gesehen, ein Leuchtturmwärter auf einer Ostseeinsel wurde gesucht. Kurz stellte ich mir vor, mich zu bewerben, die Zelte abzubrechen und neu anzufangen. Doch dann sah ich im Inserat, dass die Bewerber:innen nicht älter als 40 Jahre sein dürfen. Schade, dachte ich, und klickte die Seite weg. Gleichzeitig war ich erleichtert. Kindheitsträume sind etwas einzigartiges. Wenn man sie bewahren will, dürfen sie nicht Realität werden. Ich besuche das Meer lieber im Urlaub und trage die Sehnsucht danach in meinem Herzen. Kürzlich habe ich von einem Leuchtturm gehört, der an Feriengäste vermietet wird - vielleicht sollte ich das probieren? Ich werde mir das mal genauer ansehen, ja, genau, das werde ich tun.

03/06/2024

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